Where’s your friend? Oder Krank sein ist scheiße.

Pai. Ein verschlafenes Hippie-Dorf drei Fahrtstunden nördlich von Chiang Mai. Eingebettet in die malerische Bergwelt Thailands, umgeben von sattgrünen Wiesen, Wasserfällen und heissen Quellen, am Ufer eines ruhigen Flusses. Ein idyllischer Ort – Eigentlich.

Die Sonne wagt sich gerade erst zaghaft hinter den Baumwipfeln hervor, als ich bereits erwache. Alles befindet sich noch im Tiefschlaf. Die Hunde vor dem Hostel liegen regungslos auf der Strasse, die durchzechte Nacht lässt die übrigen Reisenden laut schnarchen, ja sogar der Hahn vom Garten des Nachbarn hat sich noch zurück gehalten. Nur einige Dorfbewohner sind bereits auf den Beinen. Und ich. Denn ich habe Schmerzen.

Eine harmlos wirkende Wunde am Fuss hat sich infiziert und sich dann in Windeseile auf meine Handflächen und meine Finger ausgebreitet. Meinen Plan, einen Motorroller zu mieten und die Umgebung zu erkunden, muss ich traurig abhacken. Stattdessen mache ich mich auf den Weg ins örtliche Krankenhaus.

Nachdem mich die formell gekleidete Empfangsdame registriert hat, zeigt sie um die Ecke. Ich folge der Richtung, welche sie mir weist, und suche mir einen freien Platz auf einer der Holzbänke. Im Wartezimmer tummeln sich Frauen und Männer jeder Altersklasse: Ein Mädchen, wessen Haut mit roten Punkten bedeckt ist. Ein junger Mann im Rollstuhl. Mehrere hustende Greise an Gehstöcken. Eine Mutter mit ihrem wenigen Wochen altem weinenden Säugling.

Ich bin die einzige Ausländerin. Für die verletzten Touristen, welche meist aufgrund eines Motorradunfalls hier landen, ist es noch zu früh.

Es scheint alles reibungslos zu funktionieren. Nur eben auf Thailändisch.

In der Hand halte ich eine Nummer, die 89. Vorne im Raum steht ein Klapptisch, dahinter zwei Krankenschwestern. Obwohl ich die Sprache, die sie sprechen nicht verstehe, erkenne ich ein System. Die Eine ruft die Nummern auf und verteilt die wartenden Menschen auf den jeweils richtigen Arzt. Die Andere notiert der Reihe nach das Gewicht, die Grösse und den Blutdruck der Patienten.

Geduldig wird gewartet, bis man an der Reihe ist. Ich zeige meine Nummer der Mutter mit dem schreienden Baby. Drei lange Stunden dauert es, bis sie mir schließlich zunickt und mir so zu verstehen gibt, dass soeben die 89 aufgerufen wurde. Dann betrete ich endlich das Zimmer des Arztes.

„Friend waiting for you outside?“

„No, there is no friend.“

„Friend waiting for you in the hotel?“

„No, I’m alone.“ Der thailändische Arzt schaut mich irritiert an.

„You alone? Really?“

„Yes.“
„Friend back in the hotel?“

„No, im alone.“, wiederhole ich noch einmal.

Jetzt kann ich mich nicht mehr zurückhalten.

Die Tränen kullern unkontrolliert über meine Wangen.

Ja, ein Freund. Das wäre jetzt schön. Es ist die erste Situation auf meiner langen Reise, in der ich mir wünsche, nicht alleine aufgebrochen zu sein.

Doch obwohl ich keinen Freund bei mir habe, obwohl ich körperlich angeschlagen bin und obwohl ich bis auf wenige Worte die Landessprache nicht beherrsche, hat schlussendlich doch alles funktioniert. Ja, ich habe geweint, doch einen schlechten Tag hat man nicht nur auf Reisen. Kein Grund um von vornherein Zuhause zu bleiben.

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2 comments

  1. Ja, das ist echt hart, alleine unterwegs zu sein und dann noch soweit von zu Hause entfernt, wenn es einem nicht gut geht!

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