Von Dorf zu Dorf

Der freundliche Gesichtsausdruck des Mannes schwindet, verfinstert sich, als er mir zum wiederholten Mal erklären muss, dass in den nächsten Tagen kein öffentliches Boot fahren wird. Ich will es nicht wahrhaben. Dafür bin ich doch überhaupt hier her gefahren, in dieses Kaff namens Muang Khua. Mein Plan war es gemütlich auf dem Nam Ou Fluss nach Luang Prabang zu tuckern. Jetzt sagt mir dieser Mann, der am Flussufer sitzt und angelt, dass das nicht geht?!

Wegen des schlechten Wetters habe es nicht genügend Passagiere. Auch sonst fahre das Boot nicht oft. In diese Gegend von Laos verschlägt es nur sehr wenige Touristen. Die meisten Einheimischen besitzen ein eigenes kleines Boot. Ich bedanke mich bei dem Angler für die Auskunft und spaziere mit dem Regenschirm in der Hand durch das Dorf und suche auf den Straßen, in Restaurants und in den paar Hotels nach Gleichgesinnten. Entweder ich kriege genug Passagiere zusammen oder es liegt eine lange, holprige Busfahrt vor mir.

Die vereinzelten Touristen, die ich treffe, reisen in die andere Richtung oder sie wollen sowieso lieber den Bus nehmen, schließlich sei der schneller und man sitze im Trockenen. Ich entgegne, dass es doch viel schöner sei an der frischen Luft zu reisen und durch die Natur zu fahren. Meine Überredungskunst versagt kläglich… Eigentlich ist Muang Khua doch auch ganz hübsch, mit dem Fluss und den Palmen und der Hängebrücke (versuche ich mir einzureden). Vielleicht sollte ich einfach noch ein paar Tage hierbleiben und dann ein Busticket kaufen. Ich gebe mich geschlagen.

Zurück in meinem kleinen Gasthaus sitze ich auf der überdeckten Veranda und schaue hinaus in den Regen. Bald darauf setzen sich drei Leute zu mir an den Tisch aus blauem Plastik. Sie stellen sich vor. Isabelle und Clément, zwei fröhliche und reiselustige Franzosen, beide Ende Fünfzig. Und der junge Laote Nawin, der aus einem Ort nich weit von hier stammt. Letzterer hält einen Stapel Karten in der Hand: „Spielst du mit? Wir suchen noch einen vierten Spieler!“ Ich willige ein, lasse mir die Regeln erklären und wir kommen ins Gespräch. Sie erzählen mir, dass sie auf dem Weg nach Luang Prabang seien. Mit dem Boot! Ich spitze meine Ohren, schenke ihnen meine volle Aufmerksamkeit, ein letzter kleiner Hoffnungsschimmer.

Sie reden nicht von dem öffentlichen Boot, sondern von einem Privaten. Das französische Pärchen hat eine Tour gebucht, Nawin ist ihr Guide und Übersetzer. Seit zwei Tagen sind sie schon unterwegs – kurzerhand laden sie mich ein sie zu begleiten. Ich sage sofort zu. Am liebsten würde ich ein Freudentänzchen aufführen.

Schon lustig, wie der Zufall so spielt…

Als wir Muang Khua am nächsten Morgen verlassen, regnet es noch immer in Strömen. Mit an Bord ist auch Kamon, der Fahrer. Zu fünft werden wir zwei Tage lang flussabwärts treiben, vorbei an bewaldeten Hügeln, saftigen Wiesen und rein in Nebelschwaden.

Das öffentliche Boot wäre durchgefahren. Wir hingegen schippern von einem Dorf ins Nächste, alle versteckt hinter den Bäumen und Büschen des Flussufers und nur über den Wasserweg zu erreichen. Die Hügel, die wir hochklettern müssen, um in den Kern der kleinen Fischerdörfer zu gelangen, sind voller Schlamm. Wir sind von Kopf bis Fuß durchnässt, mit Schmutz behaftet und durchgefroren und dennoch unglaublich gut gelaunt.

Wann hat man schon mal die Gelegenheit die Sprachbarriere dank eines Übersetzers zu durchbrechen, sich tatsächlich länger mit den Einheimischen zu unterhalten und einen authentischen Einblick in eine fremde Kultur zu erhalten, fern ab von den niedergetrampelten Touristenpfaden?

Ich kann mein Glück kaum fassen!

Dorf #1

Drei Bleichgesichter kämpfen sich im Regen durch knöcheltiefen Schlamm und begrüßen munter jeden dem sie über den Weg laufen – es muss ein seltsames Bild sein. Die Dorfbewohner beäugen uns mit großem Interesse und grüßen höflich zurück. Bereits nach wenigen Metern werden wir in ein Haus eingeladen. Es ist Hochzeitssaison und es wird gerade eine Zeremonie abgehalten. Wir setzen uns zu den Anderen in den Kreis und schauen zu. Eine Flasche Reisschnaps macht die Runde.

Drei Gläser Schnaps um neun Uhr in der Früh auf nüchternen Magen? Nein sagen fällt schwer. Kurze Zeit später bin ich betrunken.

Das Haus ist brechend voll. Die Menschen darin wahnsinnig herzlich. Ist mein Glas leer, wird es sofort wieder gefüllt – nun auch mit Bier. Immer wieder halten sie mir ihre Schalen mit Reis, scharfen Pasten und gebratenem Schweinefleisch entgegen und sind erst zufrieden, wenn ich hineingreife und das Essen in meinen Mund schiebe. Ein leckeres Frühstück.

Nach der Zeremonie reden alle auf unseren Guide ein. Sie haben tausend Fragen. Wie wir heißen, wo wir her kommen, wie es da so ist, warum wir in Laos sind. Und auch die Leute erzählen uns von sich. Sie ernähren sich vom Fischfang. Zudem halten einige ein paar Tiere. In einem Haus wohnen oft mehrere Familien zusammen. Nawins Englisch ist sehr gut. Das von Isabelle und Clément hingegen weniger. In ihren Gesichtern lese ich Fragezeichen, also fungiere ich als Übersetzter. Meine Französischkenntnisse sind zwar etwas eingerostet, reichen aber aus.

Nach all dem Schnaps und Bier muss ich auf die Toilette. Die Bewohner des Hauses weisen mit dem Finger in eine Richtung und zeigen auf eine Holztüre. Ich betrete den Raum – und bin überfordert. Natürlich habe ich keine Toilette erwartet, aber mit einem Loch habe ich irgendwie schon gerechnet. Doch da ist nichts. Also pinkle ich in einer Ecke auf den erdigen Boden und spüle meinen Urin mit einem Eimer Regenwasser unter der Blechwand hindurch ins Freie. Hoffentlich habe ich das so richtig gemacht…

Zum Abschied wird uns ein Stück Garn um den Arm gebunden. Dazu sprechen sie etwas, das sich wie ein Gebet anhört. „That will bring good luck“, sagt Nawin. „Ça porte bonheur“, sage ich. Wir bedanken uns, verbeugen uns leicht, wie es in diesem Teil der Welt üblich ist, und rutschen den Hügel hinunter zurück zum Boot. Trotz Kälte gelingt es mir die schöne Fahrt zu genießen. Der Regen hält weiterhin an.

Dorf #2

Erneut kämpfen wir uns einen schlammigen Hügel hinauf. Auch in diesem Dorf sind die Menschen freundlich und beäugen uns neugierig. Auf unserem Spaziergang entdecken wir einige Webstühle. Hier werden die Halstücher gefertigt, die später auf dem Markt in Luang Prabang verkauft werden. Ein paar Frauen sind an der Arbeit. Eine von ihnen winkt uns zu sich heran. Neben ihr brennt ein Feuer. Wir setzen uns, schauen ihr zu, trocknen dankbar unsere nasse Kleidung und wärmen unsere Glieder.

Dorf #3

Im letzten Dorf, welches wir an diesem Tag besuchen, sind die Menschen zwar ebenfalls arm, doch im vorbeigehen haben wir einige Fernseher und große Stereoanlagen entdeckt. Auch hier werden wir sofort in ein Haus eingeladen. Wieder ist es gerammelt voll. Wieder wird eine Hochzeit gefeiert. Unsere Gastgeber sind mit den Vorbereitungen für das Festessen beschäftigt. Männer und Frauen helfen gleichermaßen in der Küche. Wir setzen uns im Wohnzimmer auf den Teppich, welcher auf dem Steinboden ausgebreitet ist. Auch hier wird uns sofort ein Glas Reisschnaps in die Hand gedrückt. Isabelle und Clément lehnen ab. Ich trinke, denn ich will nicht unhöflich sein.

Bevor wir uns verabschieden, zeigen sie uns stolz ihren Jahresvorrat an Reis. Dann bringen sie uns zur Tür, wo die Kinder für ein Foto posieren, ehe sie uns lange nachwinken.

Dorf #4

Wir übernachten in Muang Ngoy. Im Vergleich zu den anderen Dörfern, haben sich die hier lebenden Laoten bereits ein wenig an den Tourismus gewöhnt, es gibt einige Gasthäuser. Ein idyllisches Fleckchen Erde. Würde die Sonne scheinen, hätte ich den Franzosen Lebewohl gesagt und wäre noch ein paar Tage hier geblieben. So brechen wir aber am frühen Morgen wieder auf. Es gießt wie aus Kübeln. Der Fahrtwind ist eisig. Doch wieder sind wir bester Dinge.

Dorf #5

In Nong Khiaw halten wir nur für einen Kaffee. Hier ist es touristisch, denn der Ort ist ebenfalls mit dem Bus zu erreichen. Ich verstehe, warum die Menschen hierher kommen. Die Berge, der Fluss. Auch hier herrscht Idylle, auch wenn bereits viel von dem authentischen Charme eingebüßt wurde.

Dorf #6

Ein Dorf weiter südlich. Die Bewohner zeigen uns ein junges Äffchen, welches sie vor wenigen Stunden im Wald eingefangen haben. Das arme Ding zittert am ganzen Leib. Ich frage nach, was sie mit ihm vorhaben. Nawin übersetzt, dass der Mann gesagt hat, dass sie es nur den Kindern zeigen wollen und es danach freilassen.

Zurück im Boot erklärt er uns, dass sie es nicht freilassen werden. Stattdessen werden sie versuchen es zu verkaufen. Das hab ich mir bereits gedacht, bin aber trotzdem traurig – doch es ist verständlich. Die hier lebenden Menschen haben nicht viel, oft auch nur einen Wasserzugang für das gesamte Dorf. Ich kann verstehen, dass sie eine solche Gelegenheit nutzen, um an Geld zu kommen.

Dorf #7

Im letzten Dorf unserer Reise setzen wir uns zu einer Gruppe, welche sich unter einem auf Stelzen stehenden Haus versammelt hat und gemütlich am Feuer sitzt. Der Regen hat etwas nachgelassen. Vom Fluss her kommt ein junger Mann, schätzungsweise in meinem Alter, Anfang zwanzig, auf uns zu und präsentiert uns stolz einen großen Fisch, den er soeben frisch aus dem Nam Ou geangelt hat. Er fragt, ob wir ihn kaufen wollen. Nawin verhandelt, die Franzosen zahlen und einige der Dorfbewohner machen sich sofort an die Arbeit den Fisch auszunehmen und auf dem Feuer zu grillieren.

Der Fisch ist riesig, wir bieten allen davon an, doch auch auf unsere mehrmalige Bitte hin weigern sie sich vehement: Es sei unser Fisch. Also packen wir unsere belegten Brote aus, die eigentlich als unser Mittagessen vorgesehen waren, und verteilen sie. Die Laoten nehmen sie dankend an und so essen wir doch alle gemeinsam.

Kamon fährt uns mit dem Boot hinunter bis zum Staudamm. Von dort werden wir mit dem Auto nach Luang Prabang gebracht. Auf der Fahrt frage ich Isabelle und Clément wie viel ich ihnen schulde – sie winken ab. Sie haben die Reise bereits im Vorfeld bezahlt und ich sei doch Backpacker, da ist mein Budget bestimmt beschränkt… Außerdem haben sie die Gesellschaft und den Austausch sehr genossen, sagen sie lächelnd. Mir geht es genauso.

Die Zeit ist gekommen, um Abschied zu nehmen. „Thank you very much! Merci beaucoup!“, rufe ich ihnen zu, ehe ich die Autotüre hinter mir zuschlage und alleine auf der Straße zurück bleibe. Im Hostel genieße ich die wohl beste heiße Dusche meines Lebens. Die vom Schlamm verdreckten Klamotten werfe ich in die Waschmaschine. Auf meinem Gesicht liegt ein breites Grinsen.

Reist man als Tourist in ein Land, besteht die Möglichkeit, dass man die Einheimischen auch mal verärgert, sie nervt. Ich versuche das zu vermeiden, will ihr Leben nicht stören. Doch da ist dieses große Interesse. Das Interesse mehr über eine fremde Kultur zu erfahren. Und das Interesse einmal wiederzukommen und länger zu bleiben. Vielleicht um Englisch zu unterrichten.

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