Unser Sommer im Balkan

Als sich unsere Wege trennten, spätabends in Belgrad, umarmten wir uns lange. Dann sah ich, wie du in den Waggon stiegst und als sich der Zug in Bewegung setzte, rannte ich auf dem Bahnsteig neben dir her – bis sich unsere Blicke verloren. Ich habe dir das noch nie erzählt, aber damals, als ich außer Atem zum Stehen kam und zusah, wie du in der Dunkelheit verschwandst, empfand ich Erleichterung.

Versteh mich nicht falsch; ich war nicht froh, dass du weg warst. Vielmehr freute ich mich, nach vier gemeinsamen Monaten, etwas Zeit nur für mich zu haben. Ich sehnte mich danach alleine durch die Straßen zu schlendern. Alleine in einem Restaurant zu sitzen. Alleine im Tram die an mir vorbeiziehende Stadt zu betrachten.

Ich lief zu meiner Unterkunft zurück. Machte einen Umweg. Stoppte unterwegs bei einem Minimarkt. Kaufte Müsli, Milch und eine Flasche Orangensaft für das Frühstück am nächsten Tag.

Als die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster schienen, saß ich schon am Tisch der Gemeinschaftsküche, vor mir ein Glas Saft. Selten habe ich so schlecht geschlafen wie in jener Nacht. In den ersten Sekunden nach dem Aufwachen ertappte ich mich dabei, wie ich dich gesucht habe. Wie meine Augen durch den halbdunklen Raum wanderten, in der Erwartung dich zu finden. Wie habe ich mich daran gewöhnt, dich zu sehen, dich neben mir zu wissen, dich um Rat fragen zu können, immer in dein Gesicht zu blicken. Doch es geht um viel mehr, als nur Gewohnheit.

Die Erleichterung wich schnell, es folgte Traurigkeit. Tränen liefen über meine Wangen, weil ich dich umarmen wollte, aber es nicht konnte. Seit dem Abschied waren erst wenige Stunden vergangen, dennoch vermisste ich dich. Ich, die ich das Alleinsein doch so sehr liebe, wollte auf einmal gar nicht alleine sein. Nicht weil ich einsam war. Nicht weil ich irgendjemanden um mich haben wollte. Ich wollte dich um mich haben, bei dir sein. Wollte wieder neben dir einschlafen und neben dir aufwachen. Wollte wieder mit dir lachen, einen unserer Lachflashs kriegen. Wollte dich wieder singen hören. Wollte, dass deine mutige und unerschrockene Art mir wieder Sicherheit gibt. Wollte sogar wieder, dass du mich nervst, so wie du es manchmal getan hast, so wie ich bestimmt auch manchmal dich genervt habe.

Dann wischte ich die Tränen von meinen Wangen und lächelte. Lächelte, weil ich durch diese Gedanken erkannte, was für eine schöne Zeit wir zusammen erlebt hatten und wie dankbar ich dafür bin.

Es gibt Freundschaften, die an einer Reise zerbrechen. Unsere wurde stärker.

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