Einmal das Meer sehen

„Ich gelobe, immer bei dir zu bleiben, dich zu ehren und zu lieben, bis dass der Tod uns scheidet.“  Sichtlich gerührt beendet er sein Versprechen und nimmt den goldenen Ring aus der Westentasche seines klassisch schwarzen Anzuges. Sachte streift er ihn über ihren Finger. „Ach was, bis in alle Ewigkeit!“, fügt er spontan hinzu. Die Gäste lachen und verstummen erst, als der Priester um Ruhe bittend die Hand hebt und zum Sprechen ansetzt.

Während die Zeremonie zu Ende geführt wird, wechselt die Kamera zum Nahaufnahme-Modus, zeigt, wie das Brautpaar erst verliebte Blicke austauscht und schliesslich unter tosendem Applaus das Jawort mit einem Kuss besiegelt. Ein abrupter Schnitt und das Bild war schwarz. Beklommen sassen alle auf ihren Stühlen, welche in der Form eines Halbkreises im Wohnzimmer aufgereiht waren. Abgesehen vom leisen Summen des Fernsehers war es totenstill. Ehe er aufstand, um die alte Videokassette aus dem Rekorder zu nehmen und zurück ins Regal zu stellen, wischte er sich mit einem rotweiss karierten Stofftaschentuch die Tränen von den Wangen. Erneuerung des Eheversprechens, 12. Juli 1999 stand in verblasster Handschrift auf dem Einband.

Es war ein wunderbares Fest gewesen. Wo damals eine grosse Vorfreude auf die Feier und das weitere gemeinsame Leben in der Luft gelegen hatte, dominierten am heutigen Tag viel mehr traurige Gesichter und wortkarge Gespräch die Runde. Über fünfzehn Jahre sind seit der Videoaufnahme vergangen. Wie glücklich sie damals gewesen waren. Er und seine Frau. Anlässlich ihrer goldenen Hochzeit feierten sie ihre Liebe aufs Neue. In Erinnerungen schwelgend, sieht er sie vor sich. Die Lippen kirschrot, die lockigen grauen Haare zu einem Dutt geformt und die farblich abgestimmten Perlenohrringe passend zu den strahlenden smaragdgrünen Augen. Oh, wie er ihre Augen geliebt hatte! Sie waren voller Leben, voller Leidenschaft und voller Stolz. Und mit jedem Blick, den sie ihm schenkte, fühlte er sich stark und geliebt.

Lautes Glockengeläut, welches die Mittagsstunde ankündigte, holte ihn aus seinen Erinnerungen und in die Wirklichkeit zurück. Auch die benommen Glieder der Gäste erwachten aus ihrer Starre. Stumm rückten alle ihre Stühle an den gedeckten Tisch. Danach holte er die gefüllten Kochtöpfe aus der Küche und verteilte das Essen. Es roch herrlich nach frischen Rüben und dampfender Rinderbrühe. Passend zum Anlass gab es Gemüseeintopf mit Schmorbraten – ihr Leibgericht.

Nicht nur sie, auch er mochte diese Speise. Normalerweise hätte er seine Portion binnen weniger Minuten verschlungen, doch dieses Mal schmeckte es ihm nicht. Die Tatsache, dass sie seine Kochkünste heute nicht bewundern würde, liessen seinen Magen gegen jeden noch so winzigen Bissen rebellieren. Traurig liess er die Gabel sinken. In einem solchen Moment hätte sie ihm sofort angesehen, dass etwas nicht stimmte. Sie hätte ihn liebevoll am Rücken gekrault und mit der anderen Hand die seine festgehalten, so wie sie es immer getan hatte. Sie hätte ihm Zeit für sich verschafft, indem sie die Gäste mit Geschichten aus ihrer Jugend unterhalten hätte, so wie sie es immer getan hatte. Sie hätte ihre Brille im Minutentakt mit dem rechten Zeigefinger zurück auf die Nase geschoben und ihm so ein Gefühl von Geborgenheit gegeben, so wie sie es immer getan hatte. Sie wäre da gewesen. Für ihn, für die Kinder, für die gemeinsamen Freunde. Sie war immer da gewesen. Auch heute war sie da – eingeäschert im Inneren einer Urne auf dem Kaminsims bekam sie von dem Treiben um sie herum nichts mit.

Das Essen verlief friedlich, dennoch vermochte es die Gemüter nicht zu erhellen. Die Teller wurden aufeinander gestapelt und in die Küche getragen. Die wenigen Worte, welche gewechselt wurden, waren nicht von Bedeutung. Erst beim Nachtisch, Erdbeertörtchen mit Schlagsahne, welche sein jüngster Sohn beim Dorfbäcker geholt hatte, trauten sich die Kinder den Vater zur Rede zu stellen: „Papa, bist du sicher, dass du diese Reise auf dich nehmen willst? Es ist ein langer Weg bis ans Meer.“  Seine Tochter wischte sich mit der Papierserviette die Mundwinkel sauber und sah ihn erwartungsvoll an. Es vergingen einige Sekunden, ehe er die wenigen Worte über die Lippen brachte: „Ich habe ihr versprochen, dass wir gemeinsam ans Meer fahren werden.“ – „Aber Mama ist tot! Bitte Papa, du musst lernen das zu akzeptieren.“ – „Ich habe es versprochen.“

Nachdem die letzten Trauergäste sein Haus verlassen hatten, nahm er die Urne und stieg ins Auto. Er wollte keine Zeit verlieren. Es war schon immer ihr Traum gewesen gemeinsam zu verreisen, sie wollten die Welt erkunden, das Meer sehen. Mehrmals waren sie kurz davor gewesen aufzubrechen und alles hinter sich zu lassen, doch immer kam etwas dazwischen. Zuerst die Schwangerschaft, dann die Kinder, dann seine Anstellung als Bauleiter in der Firma seines Schwagers und schliesslich der Alltag und später die Altersbeschwerden. Gereist sind sie nur in ihren Träumen, das Meer kannten sie nur von Fotos. Immer wieder hatten sie sich auf später vertröstet. Sie dachten, sie hätten noch Zeit und obwohl ihnen eben jene Zeit nun genommen wurde, wollte er ihr diesen Wunsch erfüllen. Er wollte sich bei ihr bedanken. Er wollte sie noch nicht loslassen. Er wollte mit ihr ans Meer fahren.

Es war lange her, seit er das letzte Mal in einem Auto gesessen hatte, geschweige denn ein Lenkrad in den Händen gehalten hatte. In dem Dorf, in welchem sie ihr gesamtes gemeinsames Leben verbracht hatten, war alles bequem zu Fuss zu erreichen: Der kleine Quartierladen, die Wäscherei, die Kirche, das Restaurant, der Zeitungskiosk und der kleine Park, für den allmorgendlichen Spaziergang. Der Wagen, den sie früher für kleinere Ausflüge verwendet hatten, verstaubte zunehmend in der Garage.

„Autofahren verlernt man nicht“, sagte er ermutigend zu sich selbst, trat aufs Gaspedal und bog vorsichtig auf die leere Strasse ein. Mit dem Ziel vor Augen fuhr er stundenlang auf der zunächst zwei-, dann drei-, dann vierspurigen Autobahn dem Meer entgegen. Nur ein einziges Mal hielt er kurz bei einer Raststätte an, um seine Blase zu entleeren und sie sogleich mit einer erfrischenden Limonade wieder zu füllen. Aus Gewohnheit kaufte er zwei Flaschen, also legte er eine davon ungeöffnet neben die Urne auf den Beifahrersitz.

Wo sonst seine Frau für Unterhaltung sorgte, vermisste er nun ihre langen Monologe und ihre schöne tiefe Stimme. Um der Stille zu entfliehen, schaltete er das Radio ein und suchte nach dem ihm vertrauten Kanal. Einige Sekunden später dröhnte all you need is love aus den Boxen. Beherzt presste er die Lippen aufeinander und summte mit. Auf dem Weg hinab gen Süden fuhr er zwischen saftig grünen Wiesen hindurch, unter Pinienbäumen hinweg, vorbei an kilometerlangen Weinreben. Er kurbelte das Fenster auf halbe Höhe, um durch die frische Brise neue Kraft tanken zu können. „Nur noch ein kleines Stück. Es kann nicht mehr weit sein.“, dachte er nervös und zufrieden zugleich.

Hinter jeder Kurve, jedem Hügel erhoffte er sich das Meer zu erblicken und nach einigen Seufzern war es so weit: Zum ersten Mal in seinem Leben sah er hinaus auf die Weiten des Ozeans. Der Anblick, welcher sich ihm bot, war schöner, als er ihn sich jemals hätte erträumen können. Gerührt liess er seine Augen über das dunkle Meer bis hin zum Horizont wandern. Nach all den Jahren waren sie endlich am Ziel ihrer Träume angelangt. Ein Ziel, welches Jahrzehnte lang viel zu weit weg schien. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Doch in die Freudentränen mischten sich schnell Tränen der Trauer, denn es war an der Zeit Abschied zu nehmen.

Er parkierte seinen Wagen auf einem breiten Felsvorsprung. Die Klippe hatte beinahe die zehnfache Höhe ihres Reihenhauses in der Heimat. Der Blick in die Tiefe liess ihn erschaudern. „Wir sind da, Liebes!“, rief er seiner Frau aus einer Selbstverständlichkeit heraus zu. Langsam öffnete er die Autotür und seine Füsse betraten den erhitzen Asphalt. Mit kleinen Schritten näherte er sich dem Abgrund, bis er weg von der Strasse auf einem Teppich von rotem Mohn stand. In den Duft der Blumen mischte sich der Geruch des Salzwassers. Minutenlang blieb er reglos auf der Erde stehen und starrte aufs Meer hinaus, die Urne fest umklammernd in seinen Händen liegend. Bevor er vorsichtig den Deckel anhob, nahm er drei tiefe Atemzüge. Dann liess er die Asche sachte ins Wasser hinab rieseln, wobei der Wind sie hinfort trug – seine Frau hinfort trug.

Eine Weile stand er noch da und beobachtete die Wellen. Wie sie vor und zurück schnallten, wie das Wasser sprudelte und sich aufbrauste. „Ich habe dir versprochen, dass wir gemeinsam ans Meer fahren. Wenn auch etwas spät, ich habe mein Versprechen gehalten. An unserer goldenen Hochzeit habe ich dir versprochen, immer bei dir zu bleiben. Auch dieses Versprechen werde ich halten.“ Langsam setzte er einen Fuss vor den anderen – bis er ins Leere trat.

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