Die Reisbäuerin von Ninh Binh

„This Ninh Binh“. Der Bus hält abrupt. Während der Fahrt bin ich eingenickt und nun schaue ich schlaftrunken und mit müden Augen aus dem Seitenfenster. Weit und breit ist weder eine Stadt, noch ein Dorf, geschweige denn auch nur ein einziges Haus zu erkennen. Links und rechts der grauen Betonstraße erstrecken sich weite Reisfelder, dahinter ragen massive Karstberge gen Himmel.

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„This Ninh Binh“, wiederholt der Busfahrer energisch und zeigt mit seinem Finger auf die offene Tür. Zwanzig Augenpaare starren mich an. Zögerlich greife ich nach meinem Rucksack, verabschiede mich höflich nickend von den vielen Vietnamesen, steige aus und schaue dem Bus nach, wie er in der Ferne kleiner und kleiner wird, ehe er schliesslich ganz verschwunden ist. Mitten im Nirgendwo bleibe ich alleine zurück.

„Haben die mich verarscht?“, schießt es mir schlagartig durch den Kopf.

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Es ist bereist später Nachmittag – bald wird es eindunkeln. Nervös drehe ich mich um die eigene Achse. Ein Blick aufs Handy bestätigt die Befürchtung, die ich bereits im Vorfeld gehegt habe; das Display bleibt schwarz. Ich habe keine Ahnung wo ich bin. Verzweifelt wünsche ich mir einen Ersatzakku herbei. Oder ein mobiles Ladegerät. Oder eine Landkarte und einen Kompass. Oder eine Drohne, mit der ich ein Foto von oben schießen könnte. Warum bin ich immer so schlecht vorbereitet? In der Hand halte ich einzig einen Zettel, auf dem mit blauem Kugelschreiber der Name des Hostels zu lesen ist, von welchem mir Bich Nga am Abend zuvor erzählt hatte.

Bich Nga arbeitet am Empfang eines Gasthauses in Hanoi. Eine Woche habe ich dort verbracht und mich schnell mit der dreißigjährigen Vietnamesin angefreundet. Da sie auf Grund weniger Gäste viel freie Zeit hat, saßen wir oft stundenlang beisammen, tranken Grüntee und erzählten uns voneinander. Sie vom Leben in Vietnam, von ihrer Ausbildung in der Tourismusschule und von ihrer Familie. Stolz zeigte sie mir Fotos ihres zweijährigen Sohnes. Dann berichtete ich ihr von meiner Heimat, den Menschen in der Schweiz und den bisherigen Stopps meiner Asienreise.

Als ich sie nach einem authentischen, wenig touristischen Ort in der Umgebung fragte, musste sie nicht lange überlegen, sondern rief sofort:

Du musst nach Ninh Binh!

Sie sei ganz in der Nähe dieser Stadt aufgewachsen und kenne ein kleines Hostel in schöner Landschaft, etwas ausserhalb. Dort könne ich das wahre Landleben Vietnams kennenlernen und der Hektik Hanois entfliehen. „Perfekt!“, denke ich und so verabschieden wir uns am nächsten Tag mit einer herzlichen Umarmung bevor ich in den Bus Richtung Süden steige, der mich in drei Stunden nach Ninh Binh bringen soll. 

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Nun bin ich hier. Oder zumindest hoffe ich das. Noch immer habe ich keine Vermutung wo genau ich mich befinde, es sind keinerlei Hinweise auf Zivilisation vorhanden. Kurz bevor ich vor Hilflosigkeit in Panik auszubrechen drohe, höre ich Motorengeräusche aus der Ferne. Zuerst nur ganz leise, dann wird das Rattern lauter und schon bald strahlt mich ein freundlicher junger Mann an, zeigt auf den Hintersitz seines Motorrads und fragt: „Ninh Binh?“.

Was bleibt mir anderes übrig, als aufzusteigen, zu hoffen, dass er mich zur richtigen Adresse fährt und ihm dafür einen überteuerten Preis zu bezahlen? Ein überteuerter Preis deswegen, weil ich A: schlecht im Verhandeln bin und weil es B: keine Alternative gibt und er genau weiss, dass ich auf ihn angewiesen bin.

Ich schwinge mich auf das Motorrad, meinen großen Rucksack klemmt er in waghalsiger Weise zwischen seine Beine. Anstatt auf der Hauptstraße zu bleiben biegt er nach wenigen Minuten nach rechts in einen Seitenweg ab. Eine Art Abkürzung gibt er mir zu verstehen. Die Fahrt ist holprig. Immer wieder weichen wir Schlaglöchern aus, fahren durch tiefe Wasserpfützen auf schlammigen Pfaden. Die Strecke zur Unterkunft scheint lang. Wir biegen erneut ab, schlängeln uns an einigen Häusern und Wasserbüffeln vorbei und überqueren eine Brücke, die über einen schmalen Fluss führt, der sich durch die saftig grüne Landschaft windet.

In den Augen der wenigen Menschen, an denen wir hupend vorbei fahren, lese ich Verwunderung und Neugier, als sich unsere Blicke treffen. Mein Fahrer redet auf sie ein, zeigt nach hinten – auf mich. Ich nehme an, dass er ihnen erklärt wo ich hin will. Hier scheinen sich tatsächlich nur wenige Touristen hin zu verirren.

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Eine knappe Stunde vergeht, bis er mich endlich heil vor einem Haus absetzt, an dessen Wand in grellen Leuchtbuchstaben der Name des gesuchten Hostels zu lesen ist. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden. Beschämt stelle ich fest, dass der Preis für diese überraschend lange Fahrt gar nicht so überteuert war, wie ich dachte…

Ich befinde mich nahe der Stadt Ninh Binh, in einem ländlichen Dorf der Provinz Ninh Hai. Nach dem Einchecken, trage ich meinen schweren Rucksack die steilen Stufen ins Obergeschoss hinauf und setze mich auf die mit Flecken übersäte, aber sauber duftende Matratze. Die übrigen Betten meines Massenschlages scheinen unberührt und dass, obwohl er zwanzig Schlafplätze umfasst. So bleibt es diese Nacht auch. Warum reist hier niemand hin? Lohnt es sich nicht? Werde ich meinen spontanen Entscheid bereuen?

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Ich treffe die Reisbäuerin, als ich am nächsten Tag mit dem Fahrrad die Umgebung erkunde. Dank des geflochtenen Kegelhutes und der hellen Kleidung, sehe ich sie schon von weitem; ein weißer Punkt in der grünen Landschaft. Ich halte an, stelle mein Rad an einen Baum und schaue aufs Feld hinaus. Genau dieses Bild hatte ich im Kopf, als ich Zuhause von Vietnam träumte.

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Die Reisbäuerin ist gut gelaunt, sie wirkt fröhlich. Wir versuchen uns zu verständigen, zu gerne möchte ich ihr Fragen stellen, möchte wissen, wie ich mir ihre Arbeit genau vorzustellen habe, doch leider sind wir der Sprache des jeweils anderen nicht mächtig. Es bleibt beim Anlächeln und freundlichem Kopfnicken. Ich zeige auf meine Kamera, frage ob ich ein Foto machen darf. Sie stimmt zu.

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Ich tippe mit dem Zeigefinder auf meine Brust und sage „Norah“. Dann zeige ich auf sie und setze mein bestes Fragezeichen-Gesicht auf, woraufhin sie mir ihren Namen verrät. Ich wiederhole ihn laut, beziehungsweise ich versuche es, doch sie lacht und schüttelt den Kopf. Da mir die richtige Aussprache nicht gelingt, vergesse ich ihren Namen wieder. Unsere Begegnung hingegen werde ich nie vergessen. Ihr fröhliche Art, trotz der körperlich schweren Arbeit. Ihre positive Ausstrahlung. Ihren Hut im Schutz gegen die Sonne. Ihre mit Schlamm verschmierten Unterschenkel.

Es ist nur eine kurze, flüchtige Begegnung. Zwei Leben die aufeinandertreffen, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

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Auch wenn wir uns nicht unterhalten konnten, bin ich dankbar für dieses Zusammentreffen, denn es ermöglichte mir einen Einblick in eine mir fremde Welt. Mit einem Lächeln schwinge ich mich wieder auf mein Fahrrad, winke der Reisbäuerin zum Abschied zu und setze die Erkundungstour fort. Die Region ist wunderschön und ich frage ich mich erneut, weshalb es hier nicht mehr Touristen gibt.

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2 comments

  1. Wow, das Porträt der Reisbäuerin ist genial!

    Ich war selbst schon in Vietnam. Von Ninh Binh habe ich trotzdem noch nie gehört… Vielen Dank für diese virtuelle Reise!

    1. Hallo Lea,

      das hab ich sehr gerne gemacht 🙂 Freut mich, dass ich dir diesen wundervollen Ort etwas näher bringen konnte!

      Liebe Grüße
      Norah

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