Das Leben seiner Frau

Wie immer nach dem Essen öffnete sie das Fenster, um den Raum mit frischer Luft zu füllen. Die flie­derfarbenen Vorhänge bewegten sich sanft im Wind. Mehr als vierzig Jahre wohnten sie gemeinsam im selben Haus. Beinahe ein halbes Jahrhundert. Eine lange Zeit, um sich kennen zu lernen. Zu Beginn stritten sie sich nur über Kleinigkeiten. Die üblichen Dinge wie das Herunterklappen des Toilettende­ckels, die Wahl des Radiosenders oder die Farbe der neuen Vorhänge. Eigentlich war ihm Lila nicht männlich genug gewesen, doch schliesslich gab er nach. Denn schon als kleiner Junge bevor­zugte er dezente Farben. Ausgezeichnet durch geringe Helligkeit und geringe Sättigung, entsprachen sie viel mehr seinem Weltbild als die grellen Töne. Er war Realist. Sein Vater lehrte ihn seine Umgebung aus einem nüchternen Blickwinkel zu betrachten. Von einer anderen Karriere, einem anderen Land oder gar einer anderen Zukunft zu träumen, war ihm fremd. Schon früh hatte er entschieden, dass das Leben eine eher triste Angelegenheit war. So gehörten für ihn die kleinen Streitereien mit seiner Frau genauso zum Alltag, wie das Marmeladenbrot zum Frühstück.

Die Ehe funktionierte. Zumindest eine Zeit lang. Mit den Jahren wuchs nicht nur die Liebe, es wuchsen auch die Probleme. Aus bana­len Reibereien wurden langwierige Konflikte. Aus leidenschaftlichen Versöhnungen wurden Stunden des Schwei­gens. Vor allem ein Thema sorgte für ein angespanntes Verhältnis: Ihre Träumereien.

Regungslos stand sie noch immer auf dem alten Parkett und blickte durch das Fenster in die Ferne. Ihre Augen waren starr geradeaus gerichtet. Doch anstelle der ruhigen Quartierstrasse sah sie belebte Marktplätze. Anstelle der Reihenhäuser sah sie hohe Wolkenkratzer. Anstelle der Vorgärten sah sie weite Felder und blü­hende Wiesen. Sie träumte vom Rauschen des Tausende von Kilometer entfernten Pazifiks. Von lan­gen Sandstränden und der prallen Hitze der Nachmittagssonne über dem Palmen­meer. Die Sehnsucht nach der Fremde liess sie in ihre Gedanken versinken. Schon lange war es ihr Wunsch gewe­sen zu reisen und die verschiedenen Facetten der Erde mit eigenen Augen zu bestau­nen. Ihr Mann hingegen bevorzugte die Heimat. Wie immer sass er noch am Esstisch, rauchte eine Zigarre und beo­bachtete sie. „Liebes, es ist kalt. Mach doch bitte das Fenster zu, sonst wirst du dich noch erkälten.“ Geistes­abwesend blickte sie weiterhin geradeaus. Den Kopf in ein und dieselbe Rich­tung geneigt. Sie lä­chelte. Da wusste er, dass er sie bald verlieren würde.

„Genügt dir meine Liebe denn nicht?“, fragte er sie, als sie ihn ein letztes Mal verzweifelt bat, mit ihr mitzugehen. Sie blieb ihm die Antwort schuldig. Trotz des Schweigens kannte er die Wahrheit nur zu gut, denn sie nagte schon lange an ihm. Über vierzig Jahre im selben Haus, im selben Beruf und in dersel­ben Ehe. Für ihn hätte es noch lange so weitergehen können, wären da nicht die Zweifel seiner Frau gewesen. Er verstand nicht, weshalb sie unbedingt fort wollte. Doch ihm war bewusst: Wäre sie einmal weg, hätte er sie endgültig verloren. Traurig sahen sie sich an.

„Ich werde fortgehen.“ – „Ich weiss.“ Er drückte sie eng an sich. Ein letztes Mal wollte er ihr seine Liebe zeigen. Sie überall berühren und ihren Duft einatmen. Der letzte leidenschaftliche Kuss war lange her, doch die Liebe blieb bestehen. Auch wenn sie ihn nun verlassen würde, wusste er, dass sie ihn noch immer liebte. So wie sie es schon immer getan hatte. Das war der Grund, weshalb sie damals geblieben war. Bei ihm geblieben war. Bis zu diesem Tag.

Sie schlief unruhig in der letzten gemeinsamen Nacht. Als sie behutsam die Daunendecke anhob, war es noch dunkel draussen. Leise setzte sie sich auf die Bettkante, stand auf und schlich auf Zehenspit­zen aus dem Raum. Das morsche Holz der Treppe knarrte unter ihren Füssen. Für einen Moment setzte ihr Herz aus. So gross war die Angst, ihrem Mann nochmals in die Augen sehen zu müssen und seinen Schmerz zu spüren.

Ein letztes Mal stand sie im Esszimmer vor dem geöffneten Fenster und sah hinaus. „Auf Wiedersehen“, flüs­terte sie in die Nacht. Schweren Herzens griff sie nach ihrem Koffer, öffnete die Haustüre und setzte sich ins wartende Taxi. „Zum Flughafen bitte.“ Der Chauffeur nickte. Um im letzten Augenblick nicht zu zögern, vermied sie es beim Davonfahren zurück zu blicken. Die Reihenhäuser, die Vorgärten und die ruhige Quartier­strasse ­ zogen vorüber. Regentropfen prallten gegen die Fensterscheibe und liefen zu einem Rinn­sal zu­sammen. „Wo soll die Reise denn hingehen?“, hörte sie den Taxifahrer fragen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „In ein neues Leben. Mein Leben.“

Er stand am Schlafzimmerfenster als er seine Frau fortfahren sah. Noch lange blickte er dem Wagen nach, auch als dieser schon nicht mehr zu erkennen war. Erst jetzt wurde ihm die Tragweite dieses Geschehnisses bewusst. „Sie meint es wirklich ernst!“, schoss es ihm durch den Kopf. Intuitiv rannte er die Treppe hinunter, griff nach dem Autoschlüssel und riss die Haustüre auf. Der noch dunkle Himmel war wolkenverhangen. Regen prasste auf den nassen Asphalt. Als er nach draussen trat, wehte ihm ein kühler Luftzug um die nackten Beine. Sein Körper zitterte. In aller Aufregung be­merkte er weder die Kälte noch seine spärliche Bekleidung. Eilig stieg er in seinen dunkelgrauen Toyota, trat aufs Gaspedal und raste aus der Einfahrt auf die Strasse.

Alles, woran er in diesem Augenblick denken konnte, war seine Frau. Er dachte an ihr lautes Lachen, an ihr fröhliches Wesen und an ihre Sommersprossen. Und er dachte an die gemeinsame Vergangenheit und die einsame Zukunft. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Der Schleier drohte ihm die Sicht zu versperren. Krampfhaft versuchte er sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Er umklammerte das Steuerrad mit einem solchen Druck, dass es schmerzte. Zum Glück war es nicht weit. Die Fahrt kam ihm viel länger vor, als sie in Wirklich­keit dauerte. Entkräftet brachte er sein Auto im Parkhaus zum Stillstand. Ehe er ausstieg, wischte er sich mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht.

Sie ging durch die grosse Eingangshalle. Es war noch früh und das Gebäude deshalb beinahe menschenleer. Wie in Trance blickte sie umher. Sie sah grosse Anzeigetafeln, auf denen in elektronischer Schrift die Namen der Destinationen zu lesen waren: Amsterdam, Paris, Moskau, New York, San Francisco, Delhi, Bang­kok, Sydney, Buenos Aires. Die Buchstaben wechselten. Eine Gruppe junger Flugbegleiterinnen schwan­gen gekonnt ihre Hintern im Takt der Absatzschuhe. Ein Mann in blauer Uniform griff nach seinem Schlüsselbund und öffnete einen Mülleimer, um den bis zum Rand gefüll­ten Abfallsack gegen einen Neuen auszutauschen. Am Boden vor der Toilette stand ein gelbes Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht betreten.“ Die ersten Kaffees wurden verkauft. Es roch nach frischem Brot und Reini­gungsmit­teln. Von weitem hörte sie das Summen der Rolltreppen. Als sie den Blick senkte, sah sie mehrere War­tebänke vor sich. Sorgfältig stellte sie den Koffer ab und setzte sich. Eine Weile beo­bachtete sie die Eingangs­tür. Sie schaute zu, wie sie sich öffnete und schloss. Sie betrach­tete die Menschen, wel­che eintraten und die Gepäckstücke, die sie mit sich trugen oder hinter sich her zogen. In die Realität mischte sich Fantasie. Sie stellte sich vor, wie ihr Mann erst durch die Türe hindurch trat und dann auf sie zu rannte. Wie er sie davon abhielt, ins Flugzeug zu steigen oder wie er selbst einen Koffer dabei hatte und sie begleiten würde. Glücklich liess sie ihren Gedanken freien Lauf.

Er stürzte in die Halle. Nervös schaute er sich um. Die Angst zu spät zu sein war gross. Wie ein Raub­vogel liess er seinen Blick durch den Raum wandern und begann zu rennen. Da sah er sie. Ganz al­leine auf einem der Wartestühle. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Starr blickte sie geradeaus. So hatte er seine Frau schon oft gesehen. „Ist sie wieder am Träumen?“ Als er nur noch einen Schritt von ihr entfernt war, blieb er stehen und streckte seine Hand aus. Behutsam strich er ihr übers Ge­sicht. Nur ganz zart berühr­ten seine Finger ihre noch warme Haut – sie war noch nicht lange tot.

„Alle Passagiere des Fluges LH720 werden gebeten, sich unverzüglich zum Check-In zu bege­ben.“ Die Lautsprecherdurchsage brachte ihn wieder zu sich. Der Schock sass noch tief in seinen Gliedern. Ohne nachzudenken, nahm er seiner Frau die Flugunterlagen aus der Hand und griff nach ihrem Koffer. Zärtlich küsste er sie ein letztes Mal auf die Stirn und ging.

Die Maschine war bereits in der Luft, als er realisierte, was passiert war. Seine Gedanken überschlu­gen sich. „Ich habe dich geliebt. Ich liebe dich noch immer.“, murmelte er vor sich hin. Die anderen Menschen an Bord musterten ihn. Für sie war er nichts weiter, als ein alter Mann im Nachthemd, der Selbstgespräche führte. Er bemerkte ihre Blicke nicht. Fassungslos starrte er aus dem kleinen Fenster. Noch nie zuvor war er geflogen. Die Erde sah so anders aus von Oben. So klein und zer­brechlich. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, doch ihm gefiel was er sah.

Es war ein langer Flug gefolgt von einer langen Taxifahrt bis er an jenem Ort war, nach welchem sich seine Frau so sehr gesehnt hatte. Hier verständigten sich die Menschen in einer ihm fremden Spra­che, sie tru­gen andere Kleidung und servierten unbekannte Speisen. Noch am Tag zuvor war er zu Hause gewesen und hatte seine Frau beim Träumen beobachtet. Jetzt stand er inmitten ihrer Fanta­sie. Planlos und sichtlich erschöpft, mit einem Koffer voller Frauenkleidung. In einem fremden Land. Auf einem fremden Kontinenten.

Bereit für ein Leben, das er nie wollte. Das Leben seiner Frau.

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4 comments

  1. Gaaaaaaaaaaaah, hat mich voll erwischt der Twist!!!
    Im ersten Teil dachte ich irgendwie wird sie es nie durchziehen wenns 40 Jahre lang nicht geklappt hat, hätte für mich auch nicht ganz gepasst wenn sie ins Flugzeug gestiegen wäre. So geht aber alles auf. Das Ende gefällt mir richtig gut! 🙂

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