Der Tag an dem Buddha kam

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein indischer Prinz namens Siddhartha Gautama, der im heutigen Nepal an einem Vollmondtag im Mai das Licht der Welt erblickte…

Im Stadtzentrum von Busan steige ich in den Bus und fahre an die Küste. Mein Ziel ist der Haedong-Yonggung-Tempel. Ich habe schon viele Tempel besucht, aber noch nie welche mit einer so spektakulären Lage, wie jene in der südkoreanischen Hafenstadt. Nach der Fahrt verabschiede ich mich höflich vom Busfahrer und folge den Wegweisern. Es ist Anfang Mai. In diesem Monat sind in Südkorea Tempel und Strassen zur Feier von Buddhas Geburtstag mit Lotus Laternen geschmückt.

Bereits der Pfad entlang der Klippe ist farbenfroh dekoriert. Während ich die Stufen hinunter schreite, weht ein kräftiger Wind, der den frischen Salzgeruch des Meeres zu mir heran trägt. Schon bald biegt der Weg leicht nach rechts ab und eröffnet so den Blick auf die berühmte Tempelanlage, eingebettet in der schönen Küstenlandschaft.

Überall sehe ich betende Menschen. Ich hingegen bin nicht religiös. War ich noch nie. Ich wurde weder nach der Geburt getauft, noch bin ich Mitglied der Kirche. In der Grundschule habe ich den Religionsunterricht auf freiwilliger Basis besucht. Wenn unsere Lehrerin Geschichten aus längst vergangener Zeit erzählte, hing ich stets an ihren Lippen und dennoch gelang es mir nicht, ihren Worten einen Funken Wahrheit abzugewinnen – geschweige denn an irgendein übernatürliches Wesen zu glauben.

Als ich alt genug war, um selbst zu entscheiden, ob ich mich taufen lassen möchte, entschied ich mich dagegen. Trotzdem habe ich in meiner Heimatstadt beinahe jede Kirche von innen gesehen. Nicht um einem Gottesdienst beizuwohnen, sondern weil mich die Atmosphäre und Architektur solcher Gebäude fasziniert. Auch auf Reisen ziehen mich Kirchen, Moscheen und Tempel magisch an.

Religionen haben viel Gutes. Sie schweissen Menschen zusammen, geben in dunklen Zeiten Hoffnung und Kraft und liefern einem auf einfache Weise Antworten auf wichtige Frage. Doch es gibt auch Schattenseiten – wenn Menschen nur ihre eigenen Ansichten, als den einzig wahren Glauben in die Welt tragen wollen.

Manchmal fehlt es an Frieden und Akzeptanz. Es geht zu sehr um Verbote und Gebote. Um Regeln. Um Gutes und Schlechtes. Ich wünsche mir, dass wir leben und leben lassen. Dass wir uns alle respektieren. Es ist für mich unbegreiflich, wie man absichtlich jemandem Leid zu fügen kann. Egal ob indischer Prinz, Flüchtlingskind, Büroangestellter oder Fussball-Profispieler. Egal ob Buddhist, Jude, Muslim, Katholik oder Atheist. Uns unterscheidet zwar der Geburtsort, das Umfeld, in welches wir hinein geboren werden und unsere Überzeugungen, aber in meinen Augen hat jedes Menschenleben den gleichen Wert.

Sollten wir nicht für gleiche Rechte kämpfen, anstatt nur an unser eigenes Wohl zu denken und uns gegenseitig schaden zu wollen?

Ich schlendere durch den Tempel – über mir eine Decke aus Laternen – und erinnere mich an eine Begegnung in Thailand:

Du musst kein Buddhist sein, um ein guter Mensch zu sein.

Mit diesen Worten eröffnete ein junger Mönch seine Rede vor einer Gruppe Menschen, die sich in Chiang Mai zusammengefunden haben, um mehr über Meditation, Buddhismus und die thailändische Kultur zu erfahren. Auch ich sass damals im Publikum und hörte ihm interessiert zu. Bereits mit dem ersten Satz hatte es der Mönch geschafft, ein Lächeln in mein Gesicht zu zaubern. Er spricht von Wohlwollen und innerem Frieden: „Wenn du unzufrieden bist, solltest du nicht versuchen Andere zu ändern, ändere dich selbst.“

„Buddha war ein Mensch wie du und ich. Mit Augen, Ohren, Nase und Mund.“ Auch das hat der thailändische Mönch vor gut einem halben Jahr zu mir gesagt. Seither bin ich durch mehrere buddhistische Länder gereist und habe dabei viele friedliche und hilfsbreite Menschen kennengelernt.

Mit den Gedanken wieder in der Gegenwart, setze ich mich auf den grauen Fels vor einer goldenen Buddha Statue und geniesse die Wärme der Sonne.

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Am nächsten Tag verdeckt eine dicke Wolkenschicht die Sonne. Dennoch steige ich in Busan erneut in einen öffentlichen Bus, um mir einen weiteren Tempel anzuschauen. Die Strasse wird von Minute zu Minute steiler. Der Beomeosa-Tempel liegt mitten in den Bergen. 

Ich würde mir niemals anmassen zu sagen, dass eine Religion besser sei, als eine der Anderen und ich möchte mich auch nicht für eine entscheiden müssen. Doch die Aussagen des Mönchs und die Reise durch Asien haben mich dazu bewegt, mehr über den Buddhismus erfahren zu wollen.

Einen religiös bedingten Glauben habe ich wie gesagt nicht, aber ich glaube an das Gute im Menschen. Ich denke, dass Buddha, sofern es ihn tatsächlich gab, diesen Glauben teilte.

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