Das Glück des Mexikaners

An der Bar einer verrauchten Kneipe irgendwo im Stadtteil Asakusa treffe ich auf Miguel. Es ist mein erster Abend in Tokio und eigentlich ist mir nicht nach Gesellschaft zumute – möchte nur einige Songs der Live Band hören, mein Bier austrinken und gemütlich zurück ins Hostel schlendern, um zeitig ins Bett zu fallen.

Japan ist der letzter Stopp meiner langen Asienreise. Die Strapazen der letzten Monate sitzen tief in meinen Knochen. Obwohl ich nun endlich hier bin, in dieser Stadt von der ich seit jeher geträumt habe, in die ich schon immer wollte, kann ich mich nun nicht richtig für sie begeistern. Bin zu müde, ausgebrannt und freue mich auf Zuhause.

Doch dann ist da Miguel. Er ist mir nicht auf anhin sympathisch, aber er lässt nicht locker und so gebe ich nach und lasse mich von ihm auf ein zweites Bier einladen. Irgendwie sieht er seltsam aus: Die schwarzen Haare unter einer dicken Gel-Schicht nach hinten gekämmt, auf der Nase eine silberne Brille mit kleinen unförmigen Gläsern und im matten Licht, der von der Decke hängenden Glühbirnen, ist ein leichter weicher Flaum über seiner Oberlippe zu erkennen. Er ist mindestens einen halben Kopf kleiner als ich, aber von stämmiger Statur. Sein gestreiftes Hemd liegt so unvorteilhaft eng an seiner Brust, dass ich die Befürchtung hege die Knöpfe könnten jeden Moment aufplatzen und mit hoher Geschwindigkeit durch den offenen Raum fliegen.

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Wir sprechen miteinander, wie zwei Fremde nun mal miteinander sprechen. Fragen uns wo wir herkommen, wie lange wir schon in der Stadt sind und was wir in den nächsten Tagen geplant haben. Immer als ich schon gedacht habe das Gespräch sei beendet, findet er neue Themen, mit denen er mich von der Musik abzulenken vermag. Er erzählt von Mexico, seiner Heimat. Und davon wie lange er auf diese einwöchige Reise hingearbeitet und Jahr für Jahr jeden überschüssigen Cent gespart hat.

Während ich ihm zuhöre, bemerke ich, wie ich mich zunehmend unwohl fühle bei dem Gedanken, sein hartverdientes Geld zu versaufen, krame deshalb in meiner Tasche und halte ihm zwei Münzen hin. Miguel streckt seine Hand aus – aber nicht um nach den 600 Yen zu greifen, sondern um meine Finger sachte nach hinten zu klappen und daraus eine Faust zu formen. „Behalte dein Geld. Genau dafür habe ich doch gearbeitet!“, sagt er schmunzelnd.

Ich habe Hunger. Der spätnachmittägliche Snack, den ich in Kyoto kurz vor Abfahrt des Schnellzuges verspeist habe, hält nicht länger an und mein Magen fordert unter lautem Knurren nach Nachschub. Ich will nach einem Restaurant oder einem Take-Away Stand Ausschau halten und verabschiede mich deshalb von Miguel. Er sagt er könne ebenfalls etwas zu Essen vertragen und so verlassen wir die Bar gemeinsam.

Die Stadt schläft. Ich dachte, Tokio wäre bei Nacht lauter, lebendiger. Doch auf den breiten Strassen fährt beinahe kein Auto. Auch auf dem Gehweg hält sich die Masse an Passanten in Grenzen. Einzig ein paar Anzugsträger huschen lautlos an uns vorbei und aus der Ferne hören wir das Kichern einer Gruppe junger Frauen. Das Nachtleben, von dem ich im Vorfeld so viel gehört habe, findet wohl in einem anderen Bezirk statt.

Miguel schlägt vor ein Taxi nach Shinjuku oder Shibuya zu nehmen, dort sei bestimmt noch was los. Ich winke ab, bin dazu viel zu müde. Alles was ich will ist einen Happen zu essen und mich aufs Ohr zu legen. „Was möchtest du denn essen?“, höre ich Miguel fragen und muss nicht lange überlegen. Ich liebe die japanische Küche: „Ramen! Oder Udon! Oder Sashimi! Oder Tempura mit Reis und Miso-Suppe!“ Bei der simplen Nennungen meiner Lieblingsgerichte läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Während wir durch das mit farbigem Neon Licht geschmückte Viertel schlendern, bleiben wir ab und zu stehen, um unsere Hände wie Scheuklappen an die Scheiben einiger Esslokale zu halten und durch die Fenster zu spähen. Es ist nicht viel zu sehen – im Innern der Räume ist es dunkel. Hat denn wirklich nichts mehr geöffnet? Inzwischen ist es zwei Uhr Morgens. Trotz der späten Stunde ist es noch erstaunlich warm. Nur ein leichter Wind veranlasst mich dazu den Reissverschluss meiner Jacke nach oben zu ziehen. Eine weitere Viertelstunde verstreicht. Als unsere Hoffnung bereits zu schwinden begonnen hat, biegen wir rechts um die Ecke und da sehen wir es: Schon von weitem erkennen wir das gelbleuchtende M. Miguel lacht freudig auf und läuft schnurgerade darauf zu. Ich hingegen freue mich weniger, eigentlich möchte ich traditionelle Speisen probieren. Stattdessen gibt es nun amerikanischen Fast Food.

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Wir betreten den Laden, bestellen je ein Menü Medium an der Theke und setzen uns an einen der freien Tische einander gegenüber. Gerade als ich mir gierig eine Handvoll ketchupverschmierter Pommes in den Mund schieben will, entschliesst sich Miguel die belanglosen Gesprächsthemen beiseite zu legen und über persönlichere Dinge zu sprechen:

„Meine Freundin hat mich verlassen. Die Woche in Japan hätte unser erster gemeinsamer Urlaub werden sollen, der Höhepunkt unserer Liebe.“ Doch vor drei Wochen der grosse Schock: Nach über sechs Jahren hat sie die Beziehung beendet. Sie hat gesagt, sie hätte sich in seinen besten Freund verliebt und dass es ihr leid täte, es sei nicht so geplant gewesen, sondern einfach passiert.

Mit jeder Silbe, mit der er über dieses Thema spricht, ist spürbar wie schmerzlich die Trennung für ihn ist. Doch ich fühle mich zu überrumpelt, um tröstende Worte zu finden und beisse unbeholfen in meinen Big Mac. Er fährt fort: „Ich habe das Flugticket bereits vor Monaten gekauft und da ich niemals damit gerechnet hätte, dass meine Beziehung in die Brüche gehen könnte, wollte ich keine zusätzlichen Kosten tragen und habe mich gegen die Option einer Flugstornierung entschieden. Deshalb bin ich vor zwei Tagen gemeinsam mit meiner Ex-Freundin und meinem besten Freund, oder besser gesagt ehemaligem besten Freund, ins Flugzeug nach Tokio gestiegen.“

„Wie bitte?“ Ich habe meine Stimme wieder gefunden und schüttle ungläubig den Kopf. „Wenn ich das richtig verstanden habe, dann bist du also gemeinsam mit dem neuen Freund deiner Ex-Freundin, der ebenfalls dein bester Freund ist, beziehungsweise war, hierher gekommen?“

„Nun… ja. Ich habe den beiden das von mir im Vorfeld gebuchte Doppelzimmer überlassen und mich in einem Einzelzimmer am anderen Ende der Stadt einquartiert. Erst in einer paar Tagen werde ich sie am Flughafen wieder treffen, wenn wir zusammen zurück nach Mexiko fliegen. Bis dann versuche ich meine Zeit in Tokio zu geniessen. Alleine.“ Sein grenzenloser Optimismus fasziniert mich: „Trotz deines Liebeskummers habe ich den Anschein, dass dir das gelingt. Du wirkst echt gut gelaunt, dafür dass dir so ne Scheisse passiert ist!“

Miguel zuckt mit den Schultern, tunkt sein erstes Chicken McNugget in die süsssaure Sauce und lässt es in seinem Mund verschwinden. „Naja, dumm gelaufen“, murmelt er schmatzend. Dann strahlt er mich auf einmal hinter seinen verschmierten Brillengläsern glücklich an. Irritiert schaue ich zurück. „Was ist? Habe ich was im Gesicht?“, frage ich und streiche dabei mit dem Handrücken über meinen Mund und meine Wangen, in dem Versuch mögliche Essensresten wegzuwischen. Doch Miguels Augen beginnen noch mehr zu leuchten, wie die eines kleinen Jungen beim Öffnen des grössten und schönsten Geburtstagsgeschenkes.

„Weisst du, ich bin froh, dass alles so gekommen ist. Wenn ich noch mit meiner Freundin zusammen wäre, würde ich genau diesen Moment nicht erleben können.“ Meine Irritation wächst. Verwirrt blicke ich mich um und erwische mich bei dem Gedanken, dass es gar nicht so schlimm wäre, jetzt an einem anderen Ort zu sein. Bevor ich etwas dazu sagen kann, sprudelt es die nächsten Worte nur so aus Miguel heraus:

„Das ist so unglaublich. Ich, ein Mexikaner, sitze hier mit dir, einer Schweizerin, in einem McDonald’s in Japan! Das ist doch verrückt!“

Ich finde das ganz und gar nicht verrückt. Ich finde das normal. Das einzig Verrückte an dieser Situation ist die Tatsache, dass ich einen Burger vor mir liegen habe und nicht frischzubereitetes Sushi.

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Miguels Augen leuchten weiter. „Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich das mal erleben würde! Allein deshalb hat sich die Reise schon gelohnt.“ Jetzt zaubert er auch mir ein Lächeln auf die Lippen. Seine Begeisterung ist ansteckend. Es fühlt sich an, als würde er mir ein Stück seines Glückes schenken.

Auf einen Schlag wird mir bewusst, wie sehr ich mich an all das bereits gewöhnt habe – an das Kennenlernen von Menschen, die aus allen möglichen Ländern stammen. An die vielen neuen Ortschaften und Städte, die ich entdecken darf. An die fremden Situationen und das Überschreiten eigener Grenzen.

Auch wenn mich beinahe jeden Tag neue Herausforderungen erwarten, hat sich auf Reisen sowas wie Alltag eingeschlichen: Neues Hostel buchen, Rucksack packen, Auschecken, irgendwie von A nach B gelangen, Einchecken, Rucksack auspacken, Einheimische nach Tipps fragen, Street Food essen, Reisetagebuch schreiben, Smalltalk führen – Dinge, die sich Monat für Monat wieder und wieder wiederholen. Aber zwischen diesen Dingen passiert so Vieles.

Ich will es nicht normal finden, das alles normal zu finden.

Genau wie Miguel wünsche ich mir Erlebnisse, von denen ich niemals erahnt hätte, dass sie jemals passieren würden. Einige solcher Momente habe ich auf dieser Reise bereits gehabt. Weitere warten vielleicht schon hinter der nächsten Ecke, der nächsten Tür oder der nächsten Begegnung.

Ich möchte auf keinen Fall vergessen, wie privilegiert ich bin, hier sein zu können. Möchte weiterhin auch Kleinigkeiten einen hohen Stellenwert geben, auf Details achten, mir jeden einzelnen Moment einprägen. Möchte mich für allerlei begeistern können und es geniessen, endlich meinen Traum zu leben. Doch ich werde das Gefühl nicht los, an einem Punkt angelangt zu sein, an dem meine Festplatte voll ist. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viel erlebt. Ich spüre das Verlangen nach einer Verschnaufpause. Eine Auszeit, um das Erlebte zu verarbeiten, es sacken zu lassen, um Platz zu schaffen für neue Eindrücke. Aus diesem Grund habe ich meinen Heimflug gebucht.

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Miguel interveniert: „Du wirst doch wohl noch eine einzige Hirnzelle frei haben! Du reist erst in ein paar Tagen ab. Jetzt bist du noch hier!“ Er hat recht.

Ich bin verdammt nochmal in Tokio!

Plötzlich bin ich bereit für diese Stadt von der ich seit jeher geträumt habe, in die ich schon immer wollte. Die zuvor verspürte Müdigkeit ist wie weggeblasen. Ich möchte hinaus, um die tausenden Gerüche einzuatmen und alles in mich aufzusaugen.

Während wir unsere Cola ausschlürfen, beschliessen wir den Spaziergang fortzusetzen. Schweigend gehen wir nebeneinander her, schreiten durch die Strassen der Millionenmetropole während die Stunden verstreichen und der Mond über den Himmel wandert. Vorbei an Hochhäusern, beleuchteten Tempeln, Schreinen und kleinen Mini-Supermärkten. Überqueren Fussgängerstreifen und Brücken und bleiben am Ufer des Sumida Flusses stehen, um ein vorbeifahrendes Boot zu beobachten. Dann bewegen wir uns hinfort von der Hauptstrasse und schlendern von einer kleinen Gasse in die Nächste. Beide sind wir in Gedanken versunken.

Erst bei Tagesanbruch umarmen wir uns zum Abschied – mit der Gewissheit uns niemals wiederzusehen, aber glücklich und dankbar darüber uns kennengelernt zu haben.

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6 comments

  1. Tolle Geschichte! Spannend, wie uns manche Begegnungen etwas mitgeben können. Begegnungen, von denen man am Anfang nicht denken würde, dass sie abgesehen von Banalität und Oberflächlichkeit eine Tiefe für einen bereit halten. Man könnte fast sagen, das Universum (oder das Schicksal, je nach Ansicht) hat dir den Miguel geschickt, um für dich in deiner Situation weiter zu kommen. Schön!

    1. Liebe Lina,
      wie recht du hast. Zu Beginn weiss man nie, was sich aus Smalltalk alles entwickeln kann.

      Meiner persönlichen Ansicht nach habe ich diese Begegnung am ehesten dem Zufall zu verdanken 🙂 Wer oder was auch immer es war – Miguel war definitiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort!

      Freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt.

  2. Liebe Norah, berührende Gechichte. Nicht immer stimmt der 1. Eindruck den man von einem Menschen hat. Hätte zu gerne gewusst, was dir bei der Begegnung mit Miguel noch alles durch den Kopf ging.
    Wie immer gut geschrieben. Schöne Geschichte.
    Claudia

    1. Liebes Mami, ich finde es sehr schön, dass du dir die Zeit nimmst all meine Texte zu lesen. Du bist die Beste, sowieso.

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